Farm to Fork-Strategie
ist ein zentrales Element des Europäischen Green Deal und zielt auf eine tiefgreifende Umgestaltung der europäischen Lebensmittelsysteme ab. Im Fokus stehen dabei ökologische, soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Die Strategie beeinflusst sämtliche Stufen der Lebensmittelversorgungskette von der landwirtschaftlichen Erzeugung über Verarbeitung, Transport und Vermarktung bis hin zum Verbrauch. Auch für Zollverantwortliche, Zollbeauftragte sowie Akteure im internationalen Warenverkehr ergeben sich daraus neue Herausforderungen und Anforderungen.
Zielsetzung der „Farm to Fork“-Strategie
Mit der „Farm to Fork“-Strategie verfolgt die Europäische Kommission das Ziel, bis 2030 ein nachhaltiges und resilienteres Lebensmittelsystem zu etablieren. Dieses soll:
- eine sichere Versorgung mit gesunden Lebensmitteln gewährleisten,
- Umweltbelastungen reduzieren und Biodiversität schützen,
- den Klimaschutz vorantreiben,
- soziale Gerechtigkeit entlang der Wertschöpfungskette fördern,
- internationale Standards für Nachhaltigkeit mitprägen.
Damit soll auch der globale Handel mit Lebensmitteln stärker an umwelt- und gesundheitsbezogenen Kriterien ausgerichtet werden. Die Strategie versteht sich nicht nur als Binnenmarktkonzept, sondern auch als Grundlage für internationale Handelsbeziehungen.
Zentrale Maßnahmen und politische Rahmenbedingungen
Die Strategie umfasst eine Vielzahl konkreter Maßnahmen, die sowohl die Produktion als auch den Handel betreffen. Relevante Schwerpunkte sind:
- Reduktion chemischer Pflanzenschutzmittel um 50 % bis 2030,
- Rückgang der Nährstoffverluste und optimierte Düngemittelverwendung,
- Ausbau ökologischer Landwirtschaft auf 25 % der EU-Anbauflächen,
- Verstärkte Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung, insbesondere bei Transport und Lagerung,
- Verpflichtende Nachhaltigkeitskennzeichnung für Lebensmittel,
- Förderung nachhaltiger Verpackungen und Transportlösungen,
- Anpassung der Importstandards an europäische Umwelt- und Sozialstandards.
Diese Maßnahmen haben nicht nur agrarpolitische, sondern auch handelspolitische und zollrechtliche Relevanz.
Auswirkungen auf Zoll, Außenhandel und Compliance
Im Rahmen der Strategie wird die Kontrolle der Einhaltung von Nachhaltigkeitsvorgaben im Warenverkehr intensiviert. Dabei ergeben sich sowohl regulatorische als auch operative Auswirkungen für den Zoll- und Außenhandel:
Einfuhrvorgaben und Nachhaltigkeitsstandards
Einfuhrregelungen für Agrar- und Lebensmittelprodukte unterliegen einer Verschärfung. Zollbehörden müssen künftig verstärkt kontrollieren, ob Produkte aus Drittländern:
- zulässige Rückstandshöchstmengen einhalten,
- aus zertifizierter ökologischer Erzeugung stammen,
- transparent und rückverfolgbar dokumentiert sind,
- Umwelt- oder Sozialstandards erfüllen, die der EU-Gesetzgebung entsprechen.
Nichtpräferenzieller Ursprung und Nachweise
Die Definition des nichtpräferenziellen Ursprungs gewinnt an Bedeutung, insbesondere wenn Umweltstandards Teil von Marktüberwachungs- oder Einfuhrregelungen werden. Entsprechende Ursprungsnachweise können zur Bedingung für die Zollabfertigung oder für Marktzugang werden.
Dokumentationspflichten entlang der Lieferkette
Unternehmen im Lebensmittelbereich müssen umfassende Informationen zu Produktionsmethoden, Herkunft und Nachhaltigkeit ihrer Produkte vorhalten. Dies betrifft sowohl Importvorgänge als auch die Ausstellung und Bewertung von Lieferantenerklärungen.
Zolltarifliche und regulatorische Anpassungen
Neue oder überarbeitete TARIC-Codes und zusätzliche Codierungen können eingeführt werden, um nachhaltigkeitsbezogene Merkmale zu erfassen. Auch Änderungen bei der Einreihung in Bezug auf Verpackung oder Verarbeitung sind möglich.
Verknüpfung mit weiteren Regelwerken
Die Strategie steht in direktem Zusammenhang mit weiteren Vorhaben wie der Verordnung über entwaldungsfreie Lieferketten, der Verordnung über nachhaltige Verpackungen, der Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) und den Anforderungen des EU-Emissionshandels (ETS). Diese Überschneidungen haben direkte Auswirkungen auf die zollrechtliche Bewertung und Abwicklung von Außenhandelsvorgängen.
Herausforderungen für Unternehmen mit Zollbezug
Die Transformation hin zu nachhaltigen Lieferketten erfordert von Unternehmen mit internationalem Warenverkehr:
- Anpassung von Beschaffungs- und Logistikprozessen,
- Sicherstellung der zollrechtlichen Konformität bei Umwelt- und Sozialvorgaben,
- Ausbau interner Kontrollmechanismen zur Rückverfolgbarkeit,
- Schulung und Qualifizierung zollnaher Abteilungen,
- Integration von Nachhaltigkeitsdaten in Zollsysteme und ERP-Prozesse.
Zollbeauftragte und Verantwortliche im Außenhandel stehen dabei vor der Aufgabe, regulatorische Anforderungen vorausschauend zu bewerten, interne Prozesse anzupassen und als Schnittstelle zwischen Rechtskonformität, Nachhaltigkeit und operativer Umsetzung zu agieren.
Bedeutung für die strategische Unternehmenssteuerung
Die „Farm to Fork“-Strategie zeigt, dass zollrechtliche Fragestellungen künftig stärker mit umwelt- und nachhaltigkeitsbezogenen Anforderungen verwoben sein werden. Unternehmen, die sich frühzeitig an die neuen Rahmenbedingungen anpassen, stärken ihre Resilienz gegenüber regulatorischen Risiken und sichern zugleich Marktzugänge und Wettbewerbsfähigkeit. Zollabteilungen leisten damit einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Unternehmensführung.
Fazit
Die „Farm to Fork“-Strategie markiert einen Paradigmenwechsel in der europäischen Agrar- und Handelspolitik. Sie hat direkte und indirekte Auswirkungen auf Zollprozesse, Einfuhrregelungen, Ursprungsfragen und Compliance-Anforderungen. Für Akteure im Zoll- und Außenhandel bedeutet dies eine tiefgreifende Neuausrichtung bestehender Prozesse. Gleichzeitig eröffnen sich neue Möglichkeiten für Unternehmen, Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil zu nutzen und Zoll-Compliance als strategisches Steuerungselement zu etablieren.